Warum gute Kommunikation Teil einer erfolgreichen Berufsausbildung ist
Mit dem Beginn einer Lehre verändert sich für junge Menschen vieles. Sie lernen einen Beruf, übernehmen Verantwortung, arbeiten mit unterschiedlichen Menschen zusammen und müssen ihren Platz in einer neuen Umgebung finden.
Dabei geht es um weit mehr als fachliches Wissen. Auch der Umgang mit Kritik, unterschiedlichen Erwartungen und Meinungsverschiedenheiten gehört zum Arbeitsalltag. Nicht immer gelingt das auf Anhieb. Aus kleinen Missverständnissen können mit der Zeit Spannungen entstehen, die das Miteinander belasten.
1. Wo entstehen Konflikte im Lehralltag?
- Unterschiedliche Erwartungen zwischen Lehrlingen und Ausbildenden
- Kritik, die als persönliche Abwertung erlebt wird
- Missverständnisse durch unklare Kommunikation
- Unterschiedliche Vorstellungen von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung
- Unsicherheit beim Nachfragen oder beim Eingestehen von Fehlern
- Das Gefühl, bei der Aufgabenverteilung ungerecht behandelt zu werden
- Spannungen zwischen Lehrlingen oder innerhalb eines Teams
Nicht immer nehmen die Beteiligten solche Situationen gleich wahr. Was für die eine Person selbstverständlich oder unproblematisch erscheint, kann bei der anderen Ärger, Unsicherheit oder Enttäuschung auslösen.
Warum erleben wir dieselbe Situation oft so unterschiedlich?
Jeder Mensch betrachtet eine Situation aus seiner eigenen Perspektive. Unsere Erfahrungen, Erwartungen und Gefühle beeinflussen, was wir wahrnehmen und wie wir das Verhalten anderer verstehen.
Ein Beispiel aus dem Lehralltag:
Ein Ausbildner erklärt einem Lehrling eine Aufgabe. Der Lehrling fragt nicht nach, obwohl er noch nicht alles verstanden hat. Vielleicht möchte er nicht unsicher wirken oder hat Angst, eine vermeintlich dumme Frage zu stellen.
Der Ausbildner hingegen geht davon aus, dass alles klar ist. Als die Aufgabe später nicht richtig erledigt wird, ärgert er sich. Für ihn sieht es so aus, als hätte der Lehrling nicht aufmerksam zugehört.
Dieselbe Situation, zwei unterschiedliche Sichtweisen. Der Lehrling wollte möglicherweise einen guten Eindruck machen, der Ausbildner hat mangelnde Aufmerksamkeit wahrgenommen.
Das Problem dabei: Wir sehen das Verhalten des anderen, kennen aber nicht unbedingt die Gründe dafür. Trotzdem ziehen wir häufig sehr schnell unsere eigenen Schlüsse.
Genau hier kann eine Frage viel verändern: „Wie hast du die Situation erlebt?“
Denn erst wenn wir die Sichtweise des anderen kennenlernen, können wir erkennen, ob tatsächlich unterschiedliche Interessen bestehen oder ob wir einander schlicht missverstanden haben.

Verstehen bedeutet dabei nicht, dem anderen recht zu geben. Es bedeutet, die eigene Sichtweise um eine weitere Perspektive zu ergänzen.
2. Konfliktkompetenz ist eine Fähigkeit, die sich entwickeln lässt
Mit unterschiedlichen Meinungen, Kritik oder Enttäuschungen umzugehen, fällt nicht immer leicht. Manche Menschen reagieren schnell gereizt, andere ziehen sich zurück oder sagen lieber nichts, um einen Streit zu vermeiden.
Wie wir in solchen Situationen reagieren, hängt auch von unseren bisherigen Erfahrungen ab. Gerade junge Menschen sind noch dabei, ihren eigenen Umgang mit schwierigen Situationen zu entwickeln.
Konfliktkompetenz bedeutet nicht, dass man immer gelassen bleiben oder für jedes Problem sofort eine Lösung finden muss. Vielmehr geht es darum, das eigene Verhalten besser zu verstehen, andere Sichtweisen zu berücksichtigen und auch bei Meinungsverschiedenheiten miteinander im Gespräch zu bleiben.
Dabei kann es helfen, sich folgende Fragen zu stellen:
- Was ärgert oder verletzt mich gerade? Und warum reagiere ich so?
→ Sich selbst wahrnehmen - Wie kann ich sagen, was mich stört oder was ich brauche, ohne dem anderen Vorwürfe zu machen?
→ Eigene Anliegen ausdrücken - Habe ich wirklich verstanden, was mein Gegenüber meint, oder gehe ich nur von meiner eigenen Sichtweise aus?
→ Anderen zuhören - Was können wir beide dazu beitragen, dass die Zusammenarbeit besser gelingt?
→ Gemeinsam Lösungen suchen
Diese Fähigkeiten entwickeln sich durch Erfahrungen und die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Auch Gesprächstechniken aus der Mediation können dabei helfen. Denn niemand muss von Anfang an wissen, wie man ein schwieriges Gespräch gut führt. Wichtig ist, Erfahrungen zu sammeln und daraus zu lernen.
3. Welche Verantwortung tragen Ausbildende?
Konfliktkompetenz ist keine einseitige Anforderung an Lehrlinge. Auch Ausbildnerinnen und Ausbildner tragen wesentlich dazu bei, wie im Unternehmen mit unterschiedlichen Meinungen, Fehlern und Kritik umgegangen wird.
Für junge Menschen ist vieles im Berufsalltag noch neu. Was für erfahrene Mitarbeitende selbstverständlich ist, muss erst gelernt werden. Dazu gehören nicht nur fachliche Abläufe, sondern auch die Zusammenarbeit im Team, der Umgang mit Verantwortung und das Annehmen von Rückmeldungen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei, wie Erwartungen vermittelt und Fehler angesprochen werden. Es macht einen Unterschied, ob ein Lehrling hört: „Du arbeitest immer so ungenau!“ oder ob konkret besprochen wird, was bei einer Aufgabe noch verbessert werden kann.
Auch die Möglichkeit, die eigene Sichtweise darzustellen, ist wichtig. Denn nicht hinter jedem Fehler steckt mangelndes Interesse und nicht jede kritische Reaktion bedeutet fehlende Einsicht.
Folgende Fragen können im Ausbildungsalltag hilfreich sein:
- Habe ich klar erklärt, was ich erwarte, oder setze ich manches als selbstverständlich voraus?
- Spreche ich konkret über ein Verhalten oder bewerte ich die Person?
- Gebe ich dem Lehrling ausreichend Gelegenheit, Fragen zu stellen und seine Sichtweise zu erklären?
Ausbildende müssen dabei nicht auf klare Anforderungen verzichten. Im Gegenteil: Verständliche Erwartungen, nachvollziehbare Rückmeldungen und ein respektvoller Umgang geben jungen Menschen Orientierung.
Lehrlinge lernen nicht nur aus dem, was ihnen erklärt wird. Sie beobachten auch, wie ihre Ausbildenden selbst mit Fehlern, Kritik und Meinungsverschiedenheiten umgehen.
Auch Eltern erleben manchmal, dass ihr Kind mit Schwierigkeiten aus dem Betrieb nach Hause kommt. Es hilft, zunächst zuzuhören und gemeinsam zu überlegen, was genau passiert ist und was sich verändern sollte. Nicht jede Unstimmigkeit muss sofort von den Eltern gelöst werden. Manchmal ist es hilfreicher, den jungen Menschen dabei zu unterstützen, selbst das Gespräch zu suchen.
4. Wenn Gespräche nicht mehr weiterführen: Was kann Lehrlingsmediation leisten?
Manchmal haben sich Missverständnisse und Enttäuschungen bereits so weit aufgebaut, dass Gespräche kaum noch möglich sind. Der Lehrling fühlt sich ungerecht behandelt, die ausbildende Person sieht keine Veränderung. Vielleicht wurde schon mehrfach versucht, die Situation zu klären, ohne zu einer Lösung zu kommen.
Hier kann eine Mediation unterstützen.
Eine Mediatorin oder ein Mediator sorgt für einen strukturierten Gesprächsrahmen, in dem alle Beteiligten ihre Sichtweise darstellen können. Dabei geht es nicht darum, Schuldige zu suchen oder zu entscheiden, wer recht hat.
Vielmehr wird gemeinsam geklärt: Was hat zu den Schwierigkeiten geführt? Welche Erwartungen bestehen auf beiden Seiten? Was braucht es, damit die weitere Zusammenarbeit gelingen kann?
Oft zeigt sich dabei, dass hinter den gegenseitigen Vorwürfen ganz unterschiedliche Anliegen stehen. Während sich der Lehrling vielleicht mehr Unterstützung oder Anerkennung wünscht, erwartet der Ausbildungsbetrieb mehr Eigeninitiative oder Verlässlichkeit.
In der Mediation werden diese Anliegen sichtbar gemacht und konkrete Möglichkeiten für die weitere Zusammenarbeit besprochen.
Lehrlingsmediation ist auch gesetzlich vorgesehen
Das österreichische Berufsausbildungsgesetz (§ 15a BAG) sieht in bestimmten Fällen eine Mediation ausdrücklich vor. Weitere Informationen zu den Möglichkeiten, zum Ablauf und zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen: Lehrlingsmediation.
Wichtig ist: Mediation kann auch wesentlich früher stattfinden. Wenn Schwierigkeiten im Lehrverhältnis auftreten, können sich Lehrling und Ausbildungsbetrieb freiwillig für eine Mediation entscheiden. Die bevorstehende Beendigung der Ausbildung ist dafür keine Voraussetzung.
Wer bereits in der Lehre erfährt, wie man auch bei unterschiedlichen Meinungen respektvoll miteinander umgeht und gemeinsam Lösungen findet, nimmt eine wertvolle Erfahrung für sein weiteres Berufsleben mit.




